Erzählperspektive in der postmodernen Literatur

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist, dass jeder Text über eine spezifische Struktur der Erzählperspektive verfügt. Diese erscheint als Oberbegriff für die Fähigkeiten des Erzählers, die ihm vom Autor jeweils zugebilligt werden. Welche das sind, hängt von der allgemeinen Entwicklung der Literatur sowie der Individualität des Autors ab. Wie schon erwähnt, hat der Erzähler, solange er das Erzählte noch beglaubigen muss, ein grundsätzliches Wissen vorzuweisen. Dieser Notwendigkeit konnte auch auf andere Weise genügt werden, zum Beispiel durch das "Auffinden" von Handschriften.

Entfällt der Legitimationszwang, bleibt jedoch der Wahrheitsanspruch, der in der Regel durch einen allwissenden Erzähler verwirklicht wird. An Figuren gebundene Erzähler sind möglich. Deren Fähigkeiten müssen in der realistischen Literatur psychologisch motiviert sein - so kann ein Ich-Erzähler nur Selbsterlebtes oder Gehörtes wiedergeben, nicht die Gedanken anderer Figuren kenn usw. Allwissende Erzähler erscheinen im Kontext der realistischen Literatur als Normbruch.
Im späten 20. Jahrhundert ist ein solches Herangehen nicht mehr möglich. Die Analyse des Erzählers erhält eine besondere Bedeutung, weil eine Aussage im Text nicht mehr ohne weiteres als wahr oder falsch erkannt werden kann. Dabei geht es nicht um Aussagen innerhalb der Fiktion ("gestern regnete es"), sondern um Bewertungen von Figuren und deren Handlungen. Bisher konnten Aussagen von Figuren (auch des Ich-Erzählers) wahr oder falsch sein, die des Erzählers galten als wahr. Welchen Grad der Zuverlässigkeit die Aussagen der Figuren aufwiesen, hing wiederum von der Einschätzung des Erzählers ab.
Der "zuverlässige" Erzähler entspricht nicht mehr dem Zeitgeist, wird aber nicht einfach durch einen "unzuverlässigen" abgelöst. Häufig ist er beides: zum Beispiel zuverlässig in Bezug auf bestimmte Fakten, die gemachten Beobachtungen, unzuverlässig in Bezug auf Einschätzung der Figuren. Die "teilweise Unzuverlässigkeit" des Erzählers kann auf verschiedene Weise zum Ausdruck kommen. Zunächst durch "Leerstellen": für eine exakte Aussage/eindeutige Bewertung notwendige Informationen werden nicht gegeben. Diese Verweigerung kann motiviert sein durch eine teilweise eingeschränkte Perspektive: der Erzähler ist zuverlässig in Bezug auf die Hauptfiguren, alle anderen Figuren aber werden aus dessen Perspektive gesehen.
Der Erzähler kann aber auch vorn herein festlegen, dass er nicht alles weiß.
Des Weiteren sind direkt "falsche Aussagen" möglich. Der Erzähler kann falsche Angaben über seine Figuren machen, die nur vom Leser korrigiert werden können.

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