Der Ich-Erzähler

Kayser unterscheidet zwischen der Ich-Erzählung, in welcher der Ich-Erzähler eine Figur des Textes ist und nur Selbsterlebtes und Erfahrenes wiedergeben kann, und der Er-Erzählung, wo der Autor oder der Er-Erzähler nicht auf der Ebene der Vorgänge stehen. (Wolfgang Kayser, Das sprachliche Kunstwerk, 204).
Booth hingegen hält die Unterscheidung in eine Ich-Form und eine Er-Form für wenig aussagekräftig. Er schreibt: "Perhaps the most important difference in narrative effect depent on wether the narrator is dramatized in his own right and on wether his beliefs and characteristicare shared by the author."(149) /"Entscheidend für die vielleicht wichtigsten Unterschiede in der Erzählwirkung ist, ob der Erzähler als eigenständige Person auftritt oder ob der Autor an seinen Überzeugungen und Wesenszügen teilhat."(156) Er unterscheidet daher auftretende und verborgene Erzähler.
Eine einleuchtende Begründung für die Notwendigkeit der Unterscheidung in Ich- und Er-Erzähler bietet Stanzel bei seiner Neukonstituierung der typischen Erzählsituationen. Er unterscheidet drei Konstituenten: Modus, Person und Perspektive.
Die 2. Konstituente, die Person des Erzählers, bezieht sich auf die Wechselbeziehungen zwischen dem Erzähler des Textes und den handelnden Figuren. Stanzel fragt nach deren "Seinsbereichen". Bei einer Identität der Seinsbereiche von Erzähler und Figuren ergibt sich die Ich-Erzählung. Existiert der Erzähler außerhalb der Welt der Figuren, handelt es sich um eine Er-Erzählung.
Im Gegensatz zu Stanzel sieht Petersen die "Identität der Seinsbereiche" nicht als Kriterium für den Ich-Erzähler an, sondern meint, dass bei der Ich-Form auch von einer Differenz zwischen dem Narrator-Ich und dem erlebenden Ich ausgegangen werden muss (Petersen, Erzählsysteme, 55). Im Unterschied zur Ich-Form ist bei der Er-Form der Erzähler keine Person, sondern ein "Erzähler-Medium" oder ein "Erzählmedium", ein Begriff, den bereits Friedemann benutzt und den verschiedene Theoretiker verwenden (Weimann, Füger). Der Erzähler hat keine Personalität, über ihn kann nur das Erzählte charakterisiert werden, nicht der Erzähler.
Der Ich-Erzähler kann bei Petersen in bezug auf vergangenes Geschehen einen "olympischen" Standort einnehmen.
Füger unterteilt die Erzähler nach ihrer Erzählposition "innerhalb oder außerhalb des dargestellten Geschehens" sowie nach "Quelle und Umfang der Informationen über die Vorgänge der ... fiktiven Welt." (Füger, 263) Letzteres bezeichnet er als Bewusstseinsstand, der situationsüberlegen, situationsadäquat oder situationsdefizitär sein kann.
Zusammen mit der Differenzierung in Ich-Form und Er-Form ergeben sich zwölf Formen, die Füger dann in vier Gruppen zusammenfasst. Er weicht vom "Dreiersystem" ab, weil er den unterschiedlichen "Bewusstseinsstand" des Erzählers zusammenfasst. Er nennt den Ich-Erzähler mit Außensicht "auktorial" (1), den Ich-Erzähler mit Innensicht "original" (2), den Er-Erzähler mit Außensicht "neutral" (3), Er-Erzähler mit Innensicht "personal" (4).
Im Vergleich mit den Auffassungen von Stanzel und Petersen erhält die Kategorie "auktorial" eine andere Bedeutung, da sie hier ausschließlich auf den Ich-Erzähler bezogen wird.
Genette spricht von "homodiegetischen Erzählen", wenn der Erzähler eine Figur des Textes ist. Er unterscheidet Erzähler, die ihre eigene Geschichte erzählen (autodiegetisch) von solchen, die Beobachter bzw. Teilnehmer an den Erlebnissen anderer sind.
Stanzel meint, "ein Ich-Erzähler ist nicht nur ein sich an sein früheres Leben Erinnernder, sondern auch ein dieses frühere Leben in seiner Phantasie Nachgestaltender. Sein Erzähler ist daher nicht streng an den Erfahrungs- und Wissenshorizont des erlebenden Ichs gebunden..." Stanzel, Theorie des Erzählens, 113)

Möglichkeiten des Ich-Erzählers
Die von der gegenwärtige Erzähltheorie propagierte freie Kombinierbarkeit der Merkmale des Erzählens muss eingeschränkt werden.
Der Ich-Erzähler ist immer eine fiktive Gestalt.
Er ist zumeist die Hauptfigur des Textes, kann aber auch eine Nebenfigur sein.
Sei Distanz zum Erzählten gering sein, aber auch groß oder - im zeitlichen Abstand zum Erzählten - größer werden. Eine geringe Distanz zum Erzählten ist häufig einer niedrigen Zuverlässigkeit verbunden.
Ein Ich-Erzähler muss nicht an den erzählten Ereignissen beteiligt sein. Er muss nicht einmal eine Innensicht gewähren.
In der postmodernen Literatur ist eine "Kompetenzüberschreitung" des Ich-Erzählers zu beobachten, wenn er zum Beispiel über Ereignisse berichtet, von denen er nichts wissen kann.

Verbindung der Begriffe "Ich-Erzähler" und "Er-Erzähler"
Die Begriffe werden unterschiedlich miteinander verkoppelt. Da der Ich-Erzähler eine Figur ist, kann er in unterschiedlichem Maße zuverlässig sein, d.h. seine Perspektive ist in der Regel eingeschränkt. Ursache für die festgelegte Rolle des Ich-Erzählers bei Kayser oder Stanzel Er-Erzählers ist die Anbindung der Theorie an die Normen der realistischen Literatur. Es ist aber auch ein allwissender Ich-Erzähler möglich, aber weniger ein figurengebundener Erzähler - das widerspricht aber dem Kriterium der Glaubwürdigkeit - sondern ein allwissender Autor-Erzähler, der sich außerhalb des erzählten Geschehens befindet, sich aber auch als Person (Sprecher) einmischt. An diesem Punkt befinden sich die Erzähler von Doležel und Füger: bei beiden gibt es auktoriale Ich-Erzähler. Auch Petersen betont bei seiner Kritik an Stanzels Typenkreis die Möglichkeit eines auktorialen Ich-Erzählers.

zurück